Wie funktioniert wertschätzende Kommunikation in der Kita?


Die Gewaltfreie Kommunikation ist eine wertschätzende, verbindende, emphatische Kommunikation ohne Urteile und Bewertungen. Sie wird auch die Sprache des Herzens genannt. Wir haben mit Maren Müller gesprochen, die zu dem Thema Seminare für Pädagog:innen gibt und sich bestens auskennt:


Was fasziniert dich an dem Thema “Wertschätzende Kommunikation” bzw. was hat dich veranlasst Seminare zum Thema zu geben? Dazu würde ich gerne einmal kurz ausholen, wie ich das erste Mal in Kontakt mit der wertschätzenden Kommunikation oder der gewaltfreien Kommunikation (das ist in diesem Falle als Synonym gemeint) gekommen bin. Ich habe 2015 ein Jahres-Training mitgemacht und nach dem ersten Block mit vier Tagen, war mir klar: “Okay, mein Leben wird irgendwie anders. Das hatte damit zu tun, dass ich im gefühlten Erleben mehr bei meinen Bedürfnissen angekommen bin. Also, was brauche ich, damit es mir gut geht oder damit ich gut arbeiten kann? Und das hat mich in eine Art Kraftschub gebracht und mich auch aus einer Opferrolle rausgeholt. (...) Ich hatte vorher schon einiges über GFK (gewaltfreie Kommunikation) gelesen, aber in so einer Gruppe war es einfach nochmal sehr viel intensiver. (...) Und dann hat es sich nach und nach entwickelt, dass ich im privaten kleinen Kreis eine Übungsgruppe und dann an der Familienbildungsstätte angeboten habe. Irgendwann bin ich dann auch an die Pädiko Akademie herangetreten, als die innere Sicherheit ein bisschen größer war, das auch vor größeren Gruppen anzubieten.


Vielleicht magst du einmal kurz erklären, was man unter wertschätzender Kommunikation versteht. Wertschätzende Kommunikation bedeutet, dass ich in eine Haltung komme “ich bin okay und der andere ist okay”, also ich schätze mein Gegenüber wert. Das zeigt sich darin, dass ich immer ein bisschen forsche wie geht es dem anderen, was braucht er und das auch auf mich anwende, also wie geht's mir gerade und was brauche ich? Wertschätzung bedeutet ja, ich lass das Gegenüber erstmal so stehen. Also ich sage nicht “was hat der Vater denn für eine blöde Meinung?” Oder wenn ich das denke, sehe ich es nicht als Wahrheit. Das ist so im Kern die Wertschätzung der gewaltfreien Kommunikation. Das bedeutet, dass sich auch diese verbale Gewalt, die ich mir oder anderen gegenüber zukommen lasse, durch Urteile, durch Bewertungen ausdrückt und dass ich sie bemerke und umwandle. Das ist mit “gewaltfrei” gemeint.


Hast du konkrete Beispiele für wertschätzende Kommunikation mit verschiedenen Gruppen in den Kitas?

Ich bin ja von meinem Hintergrund Ergotherapeutin, dabei ich habe auch im Kindergarten Kinder begleitet (...)


Ein Beispiel: Es ist Montagmorgen und ich merke die Kinder sind erstmal unruhig und ich lasse mich davon anstecken. Das wäre so mein Gefühl, mein Erleben dazu. Ich weiß aber ich möchte gerne Gelassenheit ausstrahlen. Dann frage ich mich: was brauche ich dazu? Und dann kann ich anfangen und überlegen was mir gut tut, z.B. Erdung tut mir gut und in mir zentriert bleiben. Also ich fange an meine Füße zu massieren. Das wäre schon so eine Strategie, wie ich mein Bedürfnis nach Erdung erfüllen kann, damit ich selber gelassener sein kann. Oder ich mache Entspannungsmusik an. Und dann kann ich auch auf die Kinder schauen: Was brauch Tom, damit er ruhiger sein kann? Braucht er ein bisschen Körperkontakt? Sollte er sich neben mich setzen? Oder was braucht Finja, wenn die so unruhig ist? Braucht sie vielleicht Gewichtssäckchen auf den Beinen, dass sie sich mehr spürt und mehr zur Ruhe kommt? Also ich frage im Alltag immer: was braucht das Gegenüber? Das ist schon mal eine andere Perspektive als “die Kinder sind schon wieder so laut!”


Ein Beispiel, das mit den Eltern zu tun hat: ein Kind wird unregelmäßig gebracht ist vielleicht von fünf Wochentagen nur drei Mal in der Kita. Das wäre sozusagen das, was erst einmal eine neutrale Beobachtung ist. Da können verschiedene Gefühle in mir ablaufen: Ich kann frustriert sein, weil mein Bedürfnis, mit einer vollständigen Gruppe zu arbeiten, nicht erfüllt ist. (...) Ich hätte das Kind gerne jeden Tag gesehen oder mein Bedürfnis ist Zuverlässigkeit oder Verlässlichkeit. Das wäre ein mögliches Erleben. Oder ich könnte mir auch Sorgen um das Kind machen und sagen: “wenn es so unregelmäßig kommt, dann integriert es sich nicht und kann nicht so gut Freundschaften schließen. Dann lernt es vielleicht auch nicht so gut im Miteinander zu sein.” Oder ich kann mir auch Sorgen um die Mutter machen und sagen: “was braucht Mutter XY? Ich merke, da ist vielleicht noch etwas, dass sie braucht, damit sie das Kind regelmäßiger bringen kann.”


Und dann kann ich, je nachdem, wie ich mich entscheide, ein Gespräch mit der Mutter anfangen und die Situation erst einmal neutral schildern: “Ich kriege mit, sie bringen Philipp unregelmäßig und da mache ich mir ein bisschen Sorgen, dass er nicht gut in die Gruppe findet. Ich würde gerne wissen, woran es liegt.” Und dann kann ich erst mal freundlich fragen und meistens ist das Gegenüber dann eher bereit zu erzählen. Dann kann ich fragen, ob ich sie irgendwie unterstützen oder was tun kann, damit er mehr in der Gruppe ankommen kann oder besser Kontakte knüpfen kann. Und das macht eine ganz andere Stimmung in der Beziehung. (...)


Ist die wertschätzende Kommunikation mit den Eltern eine besondere Herausforderung für pädagogische Fachkräfte?

Aus meiner Erfahrung ist es so, dass das Arbeiten mit den Kindern irgendwann eine gute Routine ist. Die Elternarbeit ist tatsächlich, finde ich, immer noch mal ein bisschen herausfordernder. Es ist so, dass ich manchmal von den Eltern was möchte, wie Zusammenarbeit, oder, dass ich meine Wahrnehmung mitteilen möchte, die ich von dem Kind habe. Das ist schon nicht immer einfach, weil mein Gegenüber das Kind unter Umständen ganz anders wahrnimmt oder eventuell auch andere Themen im Leben hat. (...) Wertschätzende Kommunikation gibt für solche Situationen keine Garantie, dass es klappt, aber es erhöht die Chancen.


Jetzt haben wir über die wertschätzende Kommunikation mit den Kindern und mit den Eltern gesprochen. Wie ist das als Leitungskraft? Kann ich überhaupt Vorschriften machen, wie die Erzieher:innen mit den Kindern zu sprechen haben?

(...) Ich könnte mir vorstellen, dass die vielleicht ein ganz, ganz dringendes Bedürfnis hat, dass sie gerne möchte, dass die Erzieher:innen anders mit den Eltern sprechen lernen oder auch mit den Kindern anders sprechen und in Kontakt gehen. (...) Wenn ich Erzieherin wäre, dann fände ich es sehr schön, wenn eine Leitungskraft das ein bisschen vorlebt. Das ist für mich viel überzeugender als Vorschriften.

Ideal wäre es ja, wenn man im Team eine Kultur einführt, wo man auch als Mensch da sein darf. Das Schöne ist ja in der wertschätzenden Kommunikation, dass es auch um Gefühle geht und unsere Gefühle immer zu unseren Bedürfnissen leiten. Wenn ich als Mensch da sein darf, auch meinen Ärger mal zeigen darf oder meine Traurigkeit, dann arbeite ich ja auch mit Freude und komme gerne in die Einrichtung Es gibt ja vier Schritte der gewaltfreien Kommunikation, richtig? Magst du die einmal kurz erklären?

Genau, es gibt die vier Schritte und die Haltung. Im ersten Schritt geht es darum, eine neutrale Beobachtung zu formulieren, so wie eine Kamera eine Situation wahrnehmen würde. Da ist die wertschätzende Kommunikation sehr konkret. Welche Situation beschäftigt mich, also was genau ist der Punkt, weswegen ich vielleicht mit einer Mutter ins Gespräch kommen möchte? Und dann geht es im zweiten Schritt darum, was in mir ausgelöst wird, also an Gefühlen oder auch an Körperempfindungen. Macht es sowas wie einen Druck, eine Sorge, Ärger oder eine Enge – also was löst es in mir aus? Und diese ausgelösten Gefühle sind ein guter Wegweiser zu den Bedürfnissen (Schritt drei). Ein angenehmes Gefühl hat immer mit erfüllten Bedürfnissen zu tun. Ein unangenehmes Gefühl hat immer mit unerfüllten Bedürfnissen zu tun. Und wenn ich dann das entsprechende Bedürfnis gefunden habe, dann kommt der vierte Schritt, den nennt man die Bitte. Da kann ich mich oder andere bitten, zur Erfüllung des Bedürfnisses beizutragen. Das sind die vier Schritte. Das klingt jetzt nicht so schwer, aber wenn man sich mehr damit beschäftigt merkt man schon, dass da einige Lernaufgaben drinstecken.


Die Haltung hinter der GFK hat damit zu tun, dass jeder Mensch ist okay ist, was ich anfangs auch schon sagte. Wir versuchen uns alle mit unserem Handeln und Reden Bedürfnisse zu erfüllen. Wir sind uns dessen meist überhaupt nicht bewusst, aber es gibt kein “du bist falsch”, sondern nur “du drückst dich vielleicht gerade sehr unglücklich aus” und bestimmte Eltern sind beispielsweise total gestresst, weil auf der Arbeit viel los ist und da kann man lernen zuzuhören. “Ah, Sie sind gerade auch sehr gefordert und es bleibt gar nicht viel Zeit zu Hause so bewusst die Morgensituation zu gestalten.” So kann ich sehr viel mehr Verständnis entwickeln. Zusammengefasst ist die Haltung so etwas wie eine offene Kommunikation.

Warum ist das Thema wichtig für pädagogische Fachkräfte?

Also da gibt es aus meiner Perspektive drei Säulen, warum das wertvoll sein könnte. Zum einen weil es den Kontakt zum Kind oder zu den Eltern verbessert. Es bringt Vertrauen rein und auch, wenn es manchmal mehr Zeit braucht, funktioniert die Kooperation einfach besser und es entsteht mehr Verständnis füreinander.


Wenn sich eine Leitung entschließt, jemanden einzuladen für eine Schulung und wenn wertschätzende Kommunikation in der Einrichtung gelebt wird, bekommt das Miteinander (...) eine gute Qualität. Normalerweise entsteht mehr Unterstützung im Miteinander und das hat große Auswirkungen auf die Arbeitszufriedenheit und auch auf die Krankenstände. (...) Das ist ein Aspekt, den ich für Einrichtungen sehe. Das geht sicherlich nicht von heute auf morgen – es ist ein Weg. Aber das ist auf alle Fälle ein Weg, der gesundes Arbeiten unterstützt.


Im sozialen Bereich hat man ja immer die Bedürfnisse der anderen im Blick und wir sind da meistens auch ziemlich gut, die mitzukriegen und sie zu erfassen. Die wertschätzende Kommunikation bringt es auch auf den Weg, sich um sich selber zu kümmern und die eigenen Bedürfnisse immer wieder in den Blick zu nehmen. Das stärkt ein Bewusstheit für sich selber und ist auch langfristig gesundheitsförderlich. Außerdem nehme ich so meine Grenzen wahr. Wir haben gleichzeitig ein großes Engagement, aber wir haben auch Grenzen. Wichtig ist, auch ein Umgang mit vermeintlichen Fehlern, dass ich auch mit mir anders umgehen lerne und einen freundlicheren Blick auf mich entwickel. Also da hat die GFK / Wertschätzende Kommunikation einen großen Anteil, was die Zufriedenheit im eigenen Leben sehr vermehrt.


Wie kann man das (zuhause / im Alltag) üben? Hast du einen Tipp?

Da könnte ich schauen, dass ich mich abends hinsetze und diese vier Schritte mit einer Situation nochmal durchgehe. War da eine Situation, die mich erfreut hat oder gab es eine unerfreuliche Situation? Dann kann ich aufschreiben wie die Situation war und wie ich mich gefühlt habe. Mit welchem Bedürfnis könnte das zu tun haben?


Das empathische Zuhören ist auch nochmal ein wichtiger Aspekt in der wertschätzenden Kommunikation. Dass ich, ohne dass ich meine Meinung einbringe, erstmal zuhöre. Ich habe gestern von einer schönen Idee gehört: Man könnte eine Zuhör-Ecke einrichten, mit zwei Stühlchen oder zwei Sitzkissen und dort aktiv das Zuhören üben. In dieser Ecke kann ich als Erzieher:in dem Kind signalisieren “ich möchte dich da ein bisschen besser verstehen, erzähl doch mal, wie ist es dir ergangen, was passiert in dir und was brauchst du, damit es dir besser geht?” Das fand ich eine ganz reizvolle Idee.


Ich hab mir auch schon im Laufe meines Weges ab und zu Gefühls- oder Bedürfnislisten in meine Wohnung gehängt. (...) Wenn ich so eine Liste irgendwo hängen habe, dann kann ich ab und zu drauf gucken und überlegen was ist gerade schräge? Das kann eine Anregung sein, Gefühle und Bedürfnisse ein bisschen mehr in den Alltag zu bringen.

 

Maren Müller ist Ermutigungstrainerin, Focusing Beraterin und Ergotherapeutin und gibt Kurse, Fortbildungen und Impulse für verschiedenste Gruppen.