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In Trauerpfützen springen

Martin Guitoo

Zum Leben gehört auch der Tod. Dennoch ist das Sterben für viele mit Leid und Schrecken verknüpft. Mit der Folge, dass dieses Thema, so gut es geht, vermieden wird. Der Kindheitspädagoge, Martin Guitoo, gibt im Folgenden Impulse, wie Pädagog:innen eigene Widerstände lösen und Kindern den Tod begreiflich machen können.


„Denn den Tod fürchten, ihr Männer, das ist nichts anderes, als sich dünken, man wäre weise, und es doch nicht sein. Denn es ist ein Dünkel, etwas zu wissen, was man nicht weiß. Denn niemand weiß, was der Tod ist, nicht einmal, ob er nicht für den Menschen das größte ist unter allen Gütern. Sie fürchten ihn aber, als wüßten sie gewiß, das er das größte Übel ist.“ - Platon

Diese Sätze stammen von Sokrates und sind uns durch Platons Apologie des Sokrates übermittelt worden. Sokrates sprach diese Sätze bei seiner Verteidigung 399 v. Chr. vor dem athenischen Volksgericht, das ihm zum Tod verurteilte, aus. Wenngleich mehr als zwei Jahrtausenden von Sokrates Verurteilung vergangen sind und die Menschheit während dieser Zeit einen beachtlichen wissenschaftlichen Fortschritt erzielt hat, scheinen diese Aussagen von Sokrates über den Tod inhaltlich immer noch im Besitz von Gültigkeit zu sein. Genau wie in der Zeit von Sokrates wird der Tod in der heutigen modernen Gesellschaft weiterhin gefürchtet und als großes Übel wahrgenommen.

In der Arbeit mit Kindern stellt die Angst vor dem Sterben und dem Tod eine große Hürde. Diese Angst wird von Generation zu Generation weitergegeben.

In vielen Familien wird über das Sterben und den Tod nicht gesprochen. Es wird im wahrsten Sinne totgeschwiegen.

Es ist ungewohnt, dass Kinder mit in Krankenhäuser oder auf Beerdigungen gehen durften. Das Schweigen zu einem allgegenwärtigen Thema lässt jedoch bei vielen Kindern Fragen unbeantwortet: Was passiert auf einer Beerdigung? Wie sieht die verstorbene Person aus? Was ist ein Grab? Diese und noch viele andere offene Fragen können bei Kindern Horrorbilder entstehen lassen. Jene Horrorbilder werden mit dem Alter weitergetragen und an die nächste Generation vererbt. Es ist daher elementar wichtig, dass sich die Pädagog:innen mit dem Thema befassen. Die Arbeit beginnt immer bei der Person, der Pädagog:in selbst. Zuerst sollen die eigenen Barrieren, soweit es welche gibt, aufgelöst werden. Dies funktioniert am besten, wenn man sich gezielt mit dem Thema auseinandersetzt. Diese Auseinandersetzung mit sich selbst kann die alten Horrorbilder wieder hervorrufen und es kann zu starken emotionalen Reaktionen kommen.

In meinen Kursen erfahre ich immer wieder, wie die Teilnehmer:innen selbst über ihre eigenen plötzlichen Reaktionen und Emotionen überrascht waren. Ist es überraschend, wenn das Thema seit zehn, zwanzig Jahren nicht besprochen und nicht verarbeitet wurde? Eher weniger.

Ein weiterer Aspekt, der bei der Verarbeitung des Todes eine zentrale Rolle spielt ist der geistigen Entwicklungsstand der trauernden Person und ihre kognitive Fähigkeit zum Erfassen des Todes. Dieser Faktor ist insbesondere bei den Kindern, die durch den Tod einer nahestehenden Person intensiv mit dem Thema Tod in Berührung kommen zu berücksichtigen. Es ist wichtig, sich die Frage zu stellen, wie Kinder in den verschiedenen Phasen ihrer geistigen Entwicklung das Thema Tod verstehen und wie wir sie in ihrem Trauerprozess im Falle des Todes einer nahestehenden Person (oder Lebewesen) begleiten können.

Es gibt einen Unterschied, ob sich das Kind in der sensomotorischen Phase oder in der voroperativen Phase befindet.

Die sensomotorische Phase ist für die Trauerarbeit nicht relevant, da es noch kein bewusstes Denken gibt. Erst am Ende der ersten Phase, mit der Entwicklung der Objektpermanenz, entwickelt sich ein Verständnis von nicht sichtbaren Gegenständen. Die Kinder verstehen, dass es etwas außerhalb ihres Sichtfeldes gibt. Im Alter ab zwei Jahren entwickelt sich bei Kindern die magische und fantastische Welt, in welcher die realen Geschehnisse verarbeitet werden. Das Wissen, dass der Tod irreversibel ist, fehlt den Kindern noch. Der Tod wird zum Beispiel als Schlaf gedeutet, sie denken das die verstorbene Person am nächsten Tag wieder aufwacht. Es ist für Kinder nicht verständlich, dass eine verstorbene Person nicht wieder kommt. Ein weiteres Zeichen für diese Phase ist der Animismus. Das Kind denkt, dass alles ein Leben innehat. Ein verschwundenes Plüschtier ist mehr als ein Kuscheltier. Das Plüschtier ist lebendig und ein Verlust kann der erste Kontakt mit Trauer sein. Der Verlust muss verarbeitet werden und kann mit Hilfe vom pädagogischen Fachpersonal begleitet werden. Es kann die erste Berührung mit der Trauerbewältigung sein.

Menschen trauern nicht nach einem festen Fahrplan und das gilt ebenfalls für Kinder.

Es gibt verschiedene Modelle, die den Prozess des Trauerns erklären und veranschaulichen. Eine der Kernaussagen all dieser Modelle lautet: Trauern kann, darf und muss dauern. Es gibt kein Zeitraster für die Trauer. Es gibt einen Unterschied bei der Trauerverarbeitung zwischen Erwachsenen und Kindern: Kinder können sehr intensiv und unregelmäßig trauern. Es wird auch von Trauerpfützen gesprochen. Dieses Bild hilft sehr viel bei der Trauerbegleitung der Kinder. Wir, damit meine ich das pädagogische Fachpersonal und alle Begleiter:innen müssen abwarten, bis das Kind in die erste Pfütze springt. Das Kind wird von sich aus das Thema eröffnen und zeigen, was es möchte. Ich rate davon ab, das Kind nach dem Ist-Zustand zu fragen. Eine Frage, wie z.B. „Ich habe gehört, dass deine Oma gestern verstorben ist.“ kann das Kind schnell überfordern. Es kann sein, dass das Kind die Information noch gar nicht weiß oder es sich damit noch nicht beschäftigen möchte.

Das Abwarten ist mit das Schwierigste an der Trauerbegleitung. Sobald das Kind signalisiert, dass es über das Thema sprechen möchte, darf man darauf einsteigen.

Ein Hilfsmittel, mit dem die Kinder in und vor der Trauer indirekt begleitet werden können, sind Bilderbücher. Ein Bilderbuch kann ein Tor zur Welt sein. In einem Buch können sich Kinder wiederfinden und sich mit den Figuren und der Geschichte identifizieren. Es gibt drei unterschiedliche Gruppen von Bilderbüchern: Bilderbücher ohne Text, Bilderbücher mit kleinen Textabschnitten und Bilderbücher, in denen Text und Bild im Gleichgewicht dargestellt werden. Bei Bilderbüchern ohne Text werden die Aussagen des Buches rein visuell aufgenommen. In Bilderbüchern mit kleinen Textabschnitten unterstützt der Text die Bilder. Das visuelle wird mit Hilfe der Sprache verdeutlicht. In einem Gleichgewicht an Text und Bild entsteht eine Einheit, wobei beide Faktoren die gleiche Wichtigkeit erfüllen.


Für die Beurteilung der Kindgemäßigkeit eines Bilderbuchs, das zum Thema Sterben und Tod geschrieben wurde, schlägt die Theologin und Pädagogin Martina Plieth acht Kriterien vor.


Das erste Kriterium ist die Berücksichtigung literarästhetischer Aspekte. Bei diesem Kriterium soll die Frage gestellt werden, ob Bildgehalte und Textaussagen miteinander kongruent sind und der jeweils anvisierten erfahrbaren Wirklichkeit entsprechen. Das zweite Kriterium ist die Qualität bildhafter Elemente. Hier wird die Frage gestellt, welche Funktionen die Bilder übernehmen und ob ihre Wirkung horizont-eröffnend ist oder einengend und entfaltungs-hemmend. Das dritte Kriterium ist die Authentizität der Sterbe- und Todesdarstellung. Hierfür soll geprüft werden, ob typisch kindliche Erfahrungsformen im Buch widergespiegelt werden und ob das Buch die Wirklichkeit der physisch-psychischen Realität der Rezipient*innen entgegenkommt. Beim vierten Kriterium nämlich dem Veranschaulichungsgrad von Stimmungswerten wird danach gefragt, ob und wie emotionale Beteiligung der im Buch agierenden Protagonist:innen zum Ausdruck gebracht wird und welche psychischen Reaktionen angesprochen werden. Das fünfte Kriterium ist die Plausibilität von Lösungs- und Bewältigungsstrategien. Es wird danach gefragt, ob mögliche Prozesse psychischer Verarbeitung von Sterben, Tod und Trauer nachvollziehbar dargestellt werden. Das sechste Kriterium ist die Tragfähigkeit von Konsolationselementen. Damit sind die Hoffnungs- und Trostelemente gemeint, die im Buch vorkommen, um dem Schrecken und der Verunsicherung, die durch Sterben und Tod ausgelöst werden könnten, entgegenzuwirken. Das siebte Kriterium ist die Kontinuität von Kommunikations- und Interaktionsstrukturen. In diesem Kriterium wird danach gefragt, inwieweit die Beziehungsmuster, die im Buch zu finden sind, längerfristig und aufbauend fortgeführt werden können. Das achte Kriterium ist der Offenheitsgrad bezüglich religiöser Wertmaßstäbe.


Zum Schluss möchte ich nochmals betonen, dass die Trauerarbeit und Strategien der Trauerbewältigung ein wichtiger Bestandteil der Fortbildung für Pädagog:innen sein sollte und es wichtig ist, sich damit zu befassen, da man im Berufsleben – und auch im Privaten – nicht um das Thema herumkommt.


 

Martin Guitoo ist Kindheitspädagoge und Leiter einer Kindertagesstätte in Kiel. Sein Herzblut steckt in dem Thema “Umgang mit Trauer und Tod als Herausforderung im pädagogischen Alltag.”





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