Mein Tag als Waldpädagoge

Mirko Stegt, stellv. Leitung der Pädiko Waldkita im Düsternbrooker Gehölz in Kiel, nimmt uns mit in seinen “Alltag”


Vorbereitung

Es ist noch dunkel, dichter Nebel hängt zwischen den Bäumen fest und kriecht in jede Ritze. Auch vor unserem Bauwagen macht er nicht halt. Als ich ihn früh am Morgen gegen halb acht betrete, begrüßen mich meine Kolleg*innen freundlich mit einem Kaffee, den sie auf unserem Gasherd zubereitet haben. Es ist noch kalt an diesem Morgen und der kalte und feuchte Bauwagen wirkt noch nicht sehr einladend. Meine Kolleg*innen machen das aber mit freundlichem Gemüt, guter Stimmung und Kaffeeduft wett. Wir packen alles zusammen, was wir an diesem Tag im Kindergarten brauchen werden. Dazu gehören leuchtend gelbe Warnwesten, damit wir die Kinder immer gut im Blick haben, Wasser und Seife zum Händewaschen, eine Tasche mit Windeln, Feuchttüchern und Klopapier, ein Erste-Hilfe-Set und die Utensilien, die wir für unser Projekt brauchen.


Morgenkreis

Wir machen uns auf zu unserem Treffpunkt. Jeden Morgen treffen wir uns um 8 Uhr an einer großen Buche im Wald. Wenn schließlich alle eingetrudelt sind, singen wir alle zusammen unser Waldlied. Dann verabschieden sich die Kinder von ihren Eltern und wir ziehen los in den Wald. Jedes Kind hat seinen eigenen kleinen Waldrucksack, in dem das Frühstück ein kleines Handtuch und weitere Utensilien wie beispielsweise Handschuhe verstaut sind. Nachdem sich alle die Hände gewaschen haben, bekommt jedes Kind von uns eine Warnweste. Wir gehen dann ein Stück weiter und suchen einen geeigneten Platz für unseren Morgenkreis auf. Dort dürfen unsere Vorschulkinder zusammen mit dem Team den Morgenkreis vorbereiten. Das bedeutet sie malen einen großen Kreis in den Waldboden und jedes Kind malt oder baut im Inneren des Kreises etwas, das alle anderen Kinder im Morgenkreis interpretieren. Das kann zum Beispiel mit dem Wochentag zu tun haben oder mit der aktuellen Jahreszeit oder mit einer Geschichte, die das Kind gerne teilen will. Im Morgenkreis wird nach dem Jahreszeitenlied das Wunschkind mit Hilfe eines Rätsels bestimmt. Das Wunschkind hat den Tag über einige Aufgaben und darf einige Entscheidungen für die Gruppe treffen. Dann dürfen die Vorschulkinder ihre Werke vorstellen und die anderen Kinder erzählen was sie darin sehen. Anschließend zählt das Wunschkind die Kinder, wir stellen fest wer alles nicht da ist und das Wunschkind darf noch eine Frage an die Gruppe formulieren. Jonte fragt heute die Gruppenmitglieder nach ihrem Lieblingseis. Von Melone über Schokolade und Vanille bis „Flutschefinger“ ist alles dabei. Nun darf das Wunschkind noch entscheiden, ob wir noch ein Lied singen wollen, ob wir ein Spiel spielen wollen oder ob wir weitergehen. Jonte möchte gerne direkt weitergehen.


Frühstück

Es folgt unser Waldfrühstück. Zunächst steht die sogenannte „Pieschrunde“ an. Die Kinder kennen unsere festen „Pieschplätze“ im Wald. Die Größeren benötigen für Gewöhnlich keine Hilfe mehr beim Klogang. Die Kleineren fragen nach, wenn sie abgehalten werden wollen oder sonstige Hilfe benötigen. Die Mädchen setzen sich über einen dickeren Baumstamm. Die Jungen suchen sich einen Baum aus. Die Kinder, die noch eine Windel benötigen bekommen natürlich eine frische Windel, nachdem sie die alte eigenständig ausgezogen haben. Vor dem Frühstück sucht das Wunschkind einen Tischspruch aus, den dann alle gemeinsam sprechen. Nun machen sich die Kinder über ihr Frühstück her. Auch heute sitzen sie wieder in kleineren Grüppchen zusammen und haben sich gemütliche Plätze ausgesucht. Mittlerweile ist die Sonne rausgekommen und scheint so früh im Jahr bis zu unserem heutigen Frühstücksplatz auf den Boden.


Projekt

Nachdem alle durch ihr Frühstück gut gestärkt sind, beginnen wir mit unserem Projekt. Wir haben uns bereits in den letzten Wochen mit verschiedenen Gefühlen auseinandergesetzt und durch unterschiedliche Geschichten und Redekreise erfahren, wie Menschen ihre Gefühle zeigen können und wie andere Menschen diese dann erkennen können. Heute wollen wir mit den Kindern zum Thema Gesichtsausdrücke arbeiten. Wir teilen unsere Gruppe in drei Gruppen á 6 Kinder auf. Dabei sind die 6 ältesten und die 6 jüngsten Kinder jeweils in einer Gruppe. Jede Gruppe sucht sich jetzt ein Gefühl aus und gestaltet dazu an einem Baum ihrer Wahl ein Gesicht aus Ton. Mit der Zeit kommen bei den Kindern unendlich viele Ideen und sie bauen Wald- und Naturmaterialien mit in ihre Kunstwerke ein. Es entstehen auch Diskussionen, wie man das Gesicht z. B. noch wütender gestalten könnte. Die jüngsten machen ein fröhliches Gesicht, die ältesten ein schamvolles Gesicht und die dritte Gruppe macht ein wütendes Gesicht. Danach präsentieren sie die Gesichter natürlich den anderen Gruppen.


Selbstbildungsphase

Nachdem wir mit dem heutigen Teil des Projektes fertig sind bleibt noch Zeit für eine Selbstbildungsphase, in der die Kinder im freien Spiel die Natur bzw. die Welt um sich herum begreifen lernen. Dem freien Spiel kommt in der Waldpädagogik eine ganz besonders wichtige Rolle zu. Die Natur ist unser dritter Erzieher und sie bietet vielfältige Bildungsanlässe in allen Bildungsbereichen. So erfahren die Kinder den Wandel der Jahreszeiten ganz unmittelbar. Wenn wir ein totes Tier finden, so lässt sich anhand dessen sogar das Thema Tod und was danach geschieht behandeln. Viele physikalische Phänomene begegnen uns. Beispielsweise letztens, als wir in der Erde nicht graben konnten, da sie ganz hart gefroren war. Auch die Motorik wird selbstverständlich erprobt und gestärkt, sei es beim Klettern oder beim Rennen über unebenen Waldboden und unwegsames Unterholz. Die Tiere und Pflanzen des Waldes kennen unsere Kinder natürlich bestens. In den letzten Tagen konnten wir hautnah miterleben, wie ein Eichhörnchen sein Kobel direkt neben unserem Bauwagen baute.


Mittagessen

Nachdem wir gegen Mittag den Weg zurück zu unserem Zirkuswagen angetreten haben, hängen alle Kinder ihren Rucksack auf einen Haken unter einem Vordach. Dann gehen sie eigenständig zum Pieschplatz, den es auch bei uns am Zirkuswagen gibt. Es gibt hier außerdem eine Komposttoilette, die einerseits von uns Erzieher*innen genutzt wird aber auch von den Kindern, z. B. für das “große Geschäft”. Anschließend waschen sich alle die Hände und suchen sich einen Platz an einem der Tische im Freien. Das Essen bekommen wir von einem lokalen Caterer in Thermoboxen geliefert. Es ist immer vegetarisch und aus biologischem Anbau. Der Caterer versorgt uns außerdem noch mit Trink- und Nutzwasser und übernimmt unseren Abwasch. Auch vor dem Mittagessen gibt es wieder einen Tischspruch, den das Wunschkind aussucht.


Selbstbildungsphase

In der anschließenden Selbstbildungsphase haben die Kinder viel Zeit für das freie Spiel bei uns am Zirkuswagen. Gleichzeitig bieten wir immer wieder verschiedene Kreativangebote, Singerunden oder Schnitzarbeiten an. Von nun an werden die Kinder den Nachmittag über abgeholt. Wir sind noch bis zum Feierabend um 16 Uhr da.


Es war wieder ein wunderschöner Waldtag. Wir haben viel gelernt und noch mehr erlebt. Woanders als im Wald zu arbeiten, kann ich mir wirklich nicht mehr vorstellen.