Frühkindliche Bindung

Sichere Bindungen in den ersten Lebensjahren stärken Menschen für ihr ganzes Leben. Sie beeinflussen das Selbstbild und auch den Umgang mit anderen Personen. Aber wie wird man zu einer feinfühligen Bezugspersonen, die die Bedürfnisse der Kinder erkennt und erfüllt und was macht es mit einem selbst, wenn man sich mit dem Thema beschäftigt? Darüber haben wir mit Daniela Kock gesprochen.



Was bedeutet frühkindliche Bindung?

Im Grunde wird frühkindliche Bindung definiert als eine soziale Beziehung zu bestimmten Personen, die Schutz oder Unterstützung bieten können. Inzwischen geht man davon aus, dass tatsächlich bis zu drei Personen eine sichere Bindungsperson sein können. Das heißt, dies sind die Personen, bei denen sich das Kind sicher fühlt. Das Kind weiß: "Da ist jemand, der sich um mich kümmert. Und wenn ich Hilfe brauche oder Probleme habe, dann ist derjenige für mich da."


Bindung bedeutet auch Beziehung. Das heißt, die Bindung entsteht dadurch, dass die Bindungspersonen mit dem Kind in Beziehung gehen. Sie interagieren gemeinsam und gerade die Erwachsenen reagieren auf das Kind und seine Bedürfnisse. Insbesondere solch eine vertrauensvolle Beziehung baut sich über eine längere Zeit auf. Wenn ich jetzt ein Baby auf den Arm nehme, bin ich nicht direkt die Bezugsperson. Das muss sich entwickeln. Und diese Beziehung ist auch durchaus etwas, was sich auf beiden Seiten entwickelt – bei dem Kind und der erwachsenen Person.

Warum ist frühkindliche Bindung so wichtig?

Kinder, die eine sichere Bindung haben, haben einen Startvorteil gegenüber anderen Kindern. Sie sind mit sich selbst tatsächlich zufriedener, weil sie mutiger sind und mehr ausprobieren können. Sie wissen, wenn irgendwas doch nicht funktioniert, wenn ich doch Hilfe brauche, ist jemand da. Sie haben nicht das Gefühl, dass sie auf sich alleine gestellt sind. Je sicherer die Kinder gebunden sind, desto mehr probieren sie aus. Durch dieses Ausprobieren lernen sie dann wieder neue Fähigkeiten und Fertigkeiten und können sich so schneller entwickeln. Das meine ich mit “Startvorteil.”


In welchen Situationen im beruflichen Alltag ist es besonders wichtig auf die Bindung zu achten?

Besonders wichtig sind die Phasen der Übergänge, wenn die Kinder zum Beispiel neu in eine Gruppe kommen oder vielleicht die Gruppe wechseln. Hier gilt, je jünger die Kinder sind, desto mehr muss die Fachkraft darauf achten und ggf. unterstützen.

Ein Übergang kann auch sein, wenn die Kinder den Kindergarten verlassen. Dann ist es auch nochmal wichtig, dass sie mit einem guten Gefühl gehen. Dieses gute Gefühl kann Ihnen eine liebgewonnene Bezugsperson vermitteln. Dann wissen sie: "Es gibt Menschen, denen ich vertrauen kann."Mit diesem Wissen können sie auch wieder voller Vertrauen auf andere zugehen in ihrer neuen Umgebung.


Welche Unterschied gibt es zwischen der Bindung zu den Eltern und den Erzieher:innen?

Die Bindung zu den Eltern ist natürlich einen Tick exklusiver. Das heißt, da gibt es das Kind selbst und vielleicht noch Geschwister. Die Erzieher:innen haben ja das Kind plus noch die anderen Kinder aus der Gruppe. Die Erzieher:innen stellt das vor die Herausforderungen, zum einen selber Bindung zu den Kindern aufzubauen und zum anderen aber auch dafür zu sorgen, dass die Kinder sich innerhalb der Gruppe sicher fühlen. (...) Zudem ist die Bindungsqualität auch von dem Gefühl der Gruppenzugehörigkeit abhängig und nicht nur von der Beziehung zur Fachkraft alleine.


In der Wissenschaft ist man sich inzwischen auch einig, dass eben nicht mehr nur die Mutter eine Bezugsperson ist, sondern, dass es auch bis zu drei Bindungspersonen geben kann. Natürlich ergibt es sich häufig, dass die Mutter diejenige ist, die am Anfang die meiste Zeit mit dem Kind verbringt und somit auch die erste sichere Bezugsperson ist. Aber nicht jede Mutter kann oder möchte das auch leisten. So entlastet es inzwischen die Mutter ein wenig, dass ein Kind durchaus bis zu drei Bindungspersonen, auch schon im Säuglingsalter, haben kann.


Wie erkenne ich die Bedürfnisse der Kinder?

Da gilt es tatsächlich viel zu beobachten, was das Kind macht und auch immer wieder den Austausch zu suchen. Zudem sollten gemeinsame Interaktion und Angebote möglich gemacht werden, an denen die Kinder teilnehmen können. Dann sollte man schauen, was nimmt das Kind an? Was möchte es nicht annehmen? Was kann ich ihm vielleicht sonst noch bieten?


Und wie wird man eine feinfühlige Bezugsperson? Wie kann ich das zum Beispiel auch im Alltag üben? Hast Du einen Tipp?

Da ist auch das Beobachten wieder sehr wichtig! Sich ganz bewusst hinsetzen und gucken, was passiert, wenn die Kinder ganz im Spiel versunken sind. Wie reagiert es in mit Anderen, z.B. einer/einem anderen Erzieherin:in oder auch mit anderen Kindern. Und dann gilt es immer wieder zu reflektieren und zu hinterfragen, warum das Kind entsprechend reagiert hat. Zusätzlich sollte man sich die Frage stellen: Was macht es mit mir, wenn ich bestimmte Reaktionen des Kinder sehe? Das ist natürlich auch ganz wichtig. Wir bringen ja unsere Bindungsvorstellungen, unsere eigene Erziehung, unser Weltbild und unsere Werte auch immer wieder mit und es gehört tatsächlich ein Stück weit dazu, diese mit aufzuarbeiten, um noch feinfühliger auf andere eingehen zu können.

Das wäre tatsächlich auch meine nächste Frage gewesen, also was macht es mit mir als Person, wenn ich mich mit dem Thema näher beschäftige?

Zum einen sollte man generell überlegen, wie die eigenen Bindungen in der Kindheit waren. Wer waren meine Bezugspersonen? Wie war die Bindung als ich in der Betreuung war? Habe ich da eine Bezugsperson gehabt oder kann ich mich da gar nicht mehr dran erinnern? Zum anderen macht es uns auch zu guten Menschenbeobachtern und Menschenkennern, indem wir regelmäßig, gerade bei den Kleinen gucken wie die einzelnen Reaktionen sind und welche individuellen Bedürfnisse sie haben. Mit der Zeit wird man immer besser darin, die Bedürfnisse zu erkennen, was gerade bei neuen Kindern sehr hilfreich sein kann.



 

Daniela Kock gibt zu vielen verschiedenen Themen Seminare für Pädagog:innen – auch zum Thema frühkindliche Bindung. Außerdem ist sie Expertin für Stressmanagement und Resilienztrainerin.