Das “Ich schaff’s” Konzept

Ein Interview mit Fachpädagogin und Kinder- und Jugendcoach Ina Wirth



Wer hat das “Ich schaff’s” Konzept entwickelt?

Entwickelt wurde das Konzept von Ben Furman. Das ist ein finnischer Psychiater und Psychotherapeut. Es ist ein Konzept, das für Kinder entwickelt wurde, also sowohl für einzelne Kinder, als auch für Gruppen. Furman hat das Konzept zusammen mit anderen Pädagogen und Fachkräften entwickelt, um Kinder zu motivieren, Fähigkeiten zu entwickeln, auszubauen oder neu zu lernen. Es ist ein sogenanntes Motivations-Programm. Dieses Motivations-Programm basiert auf dem lösungsorientierten Ansatz. Der lösungsorientierte Ansatz wurde in den 60er Jahren entwickelt und in den 70er Jahren weiterentwickelt. Dieser therapeutischer Ansatz basiert darauf, dass Klient:innen/Patient:innen ihre Lösungen selbst in sich tragen und dass es oft wenig Intervention von außen geben muss, also eine lange Therapie zum Beispiel nötig ist, um Menschen in ihren Herausforderungen oder anderen Schwierigkeiten zu unterstützen. Der Ansatz hat die Lösungen im Fokus und berücksichtigt die Wünsche und Ziele der Klient:innen. Er geht hierbei nicht nur analytisch vor und schaut “Wo kommt das her, was war in der Vergangenheit und was ist die Ursache des Problems?”, sondern ist stärker in die Zukunft gerichtet. Das Ich schaff’s Konzept basiert auf genau diesem Ansatz.


Kannst du das Konzept kurz erklären?

Dem Konzept liegt eine wertschätzende Haltung zugrunde. Das bedeutet, dass man die Fähigkeiten und Stärken der Kinder im Blick hat und nicht die Defizite. Es braucht auch den Dialog mit den betroffenen Kindern oder der Begleitpersonen. Das ganze Netzwerk rund um das Kind, also Eltern, Lehrer:innen oder Erzieher:innen, wird eingebettet in dieses Konzept. Es gibt 15 Schritte, die zwar chronologisch aufgebaut sind, aber tatsächlich flexibel angegangen werden können. Es müssen auch nicht alle 15 Schritte erledigt werden, sondern es können auch einzelne ausgewählt werden, je nachdem welche als passend empfunden werden. Deswegen ist das Konzept im Alltag leicht anzuwenden. Dadurch, dass das Konzept den Dialog mit dem Kind braucht, benutzt es eine anschauliche Sprache und auch anschauliche Methoden, so dass das Kind auch verstehen kann, um was es geht.


Bei welchen Schwierigkeiten kann es helfen?

Grundsätzlich kann es bei allen Schwierigkeiten und Herausforderungen im Alltag helfen. Das können Kleinigkeiten sein, wie zum Beispiel, dass Kinder sagen, sie würden gerne lernen, konzentrierter ihre Hausaufgaben zu machen. Es können aber auch komplexe Themen sein, wie, dass Kinder lernen wollen, grundsätzlich ein bisschen selbstständiger zu werden oder, dass sie Freunde finden wollen. Es ist sehr individuell einsetzbar in verschiedenen Bereichen und kommt immer auch darauf an, was als Belastung erlebt wird und welche Kinder bereit sind, sich diesen Belastungen zu stellen bzw. auch den Wunsch haben, etwas daran zu ändern. Das Konzept kommt aber nicht nur zum Tragen, wenn es um Schwierigkeiten oder Probleme geht, sondern kann auch gut zum Einsatz kommen, gerade in Kindertagesstätten, wenn es darum geht, die Kinder in ihren Stärken zu berücksichtigen. Das ist ein Gewinn für die Kinder. Genauso ist es aber auch ein Gewinn für die Pädagog:innen, weil dieser wertschätzende Ansatz, der Kinder ernst nimmt und auch die Bedürfnisse und Interessen der Kinder berücksichtigt, ein Gewinn für alle ist.


Was gefällt dir persönlich an dem Konzept?

Ich arbeite schon sehr lange mit diesem Konzept, weil dieses mit meinem lösungsorientierten Ansatz und meinen systemischen Sichtweisen, die ich immer in der Weiterbildung als Referentin und aber auch als Coach in enger Zusammenarbeit mit Klient:innen habe, gut zusammen passt. Bei dieser Grundhaltung geht es eben um den Blick auf die Stärken und Fähigkeiten von Menschen als wichtige Ressource, die genutzt werden kann. Ich konnte beobachten, dass dieser Blick auf das Positive und auf die Stärken und Fähigkeiten das ganze Handlungsspektrum erweitert, weil die Klient:innen sich ernst genommen fühlen. Sie sind motiviert, möchten an Herausforderungen arbeiten und entwickeln eine ganz andere Sichtweise im Bezug auf Schwierigkeiten. Hat man die Grundhaltung durchblickt und verstanden, was das Konzept bewirken kann, ist die Umsetzung im Alltag leicht händelbar und man sieht schnell Erfolge.



Hast du ein Beispiel für eine Technik aus dem Programm?

Im Grunde geht es darum zu schauen was ich lernen will und so wird es auch im Programm formuliert – von “Lass das” zu “Tu das”. Zum Beispiel “Ich will jetzt aufhören Fingernägel zu kauen” wird positiv umformuliert zu “Ich möchte schöne Fingernägel haben”. Das wäre ein erster Schritt. Das Konzept orientiert sich an den Fähigkeiten der Kinder und diese brauchen eine entsprechende Sprache um ihre Ziele zu formulieren. Die größeren Kinder können das vielleicht besser als die Kleineren, die Hilfe dabei benötigen von Eltern oder Erzieher:innen.


Es werden zusätzlich anschauliche Methoden genutzt. Zum Beispiel kann man dem Lernfeld oder der Fähigkeit einen Namen geben. Ich habe einmal gemeinsam mit einem Jungen überlegt, wie er die Fähigkeit, die er erwerben will, nennen möchte. Er entschied sich für “Puma-Fähigkeit”, weil ein Puma Stärke symbolisiert und genau diese Stärke braucht er jetzt auch für sein Lernen. Mit dieser Methode können Kinder Bezüge schaffen und es entstehen Bilder im Kopf.

Ebenfalls ein wichtiger Schritt ist, zu klären, was der Gewinn ist. Ein Gewinn könnte sein, Freunde zu finden oder, dass einem der Alltag leichter fällt. Weitere Fragen wären, ob es noch einen Gewinn oder Nutzen für andere hat, zum Beispiel für die Gruppe, Pädagog:innen oder Eltern. So sammelt man und es wird deutlich, wie wichtig oder nützlich das Lernfeld ist.


Warum lohnt es sich als pädagogische Fachkraft sich mit dem Programm näher zu beschäftigen?

Das Konzept liegt der Partizipation und den Kinderrechten zu Grunde und ist hervorragend dafür geeignet Kinder zu beteiligen und ihnen dabei zu helfen Herausforderungen anzugehen und zu meistern. Außerdem bringt man den Kindern so mehr Vertrauen entgegen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Kinder eine große Bereicherung erleben, wenn sie merken, dass man sie ernst nimmt und sie auch Verantwortung übernehmen lässt. Sie wissen im Grunde genommen auch ganz genau, was sie brauchen und was sie leisten können. Diese Grundhaltung, die finde ich für jede pädagogische Fachkraft, egal ob diese in der Schule, Kita oder in einer therapeutischen Einrichtung tätig ist, total wichtig!


Wenn das Konzept funktioniert, ist es ein Gewinn für die einzelnen Kinder oder auch für die gesamte Gruppe. Man kann sich nämlich auch als ganze Gruppe auf den Weg machen und sich bestimmte Lernfelder aussuchen, in denen man sich verbessern möchte. Ein Dialog darüber bereichert das Wir-Gefühl in der Gruppe und kann natürlich auch die Gruppendynamik und die Gruppenentwicklung positiv unterstützen.

Die einzelnen Schritte sind ohne großen Aufwand im pädagogischen Alltag umzusetzen. Deswegen finde ich es immer als einen Gewinn, wenn so ein großer Nutzen dahinter steht, sich das Konzept genauer anzugucken.

Was war deine schönste Erfahrung mit dem Programm?

Ich arbeite im Kinder- und Jugendbereich und habe im Coaching die Erfahrung gemacht, dass Eltern und natürlich auch Kinder oft erstaunt sind, wenn man sie in ihren Fähigkeiten und Stärken ernst nimmt. Da habe ich ganz oft die Rückmeldung bekommen, dass ich die erste Person sei, die darauf schaut was gut läuft und das auch positiv formuliert. Das fand ich auf der einen Seite sehr traurig, aber auf der anderen Seite auch bestätigend für meine Arbeit. Ich habe gemerkt, dass die Kinder sehr motiviert sind durch die positive Sichtweise, wie sie an ihren Herausforderungen arbeiten können. Das macht natürlich auch schnelle Erfolge oder Teilerfolge möglich. Das wiederum ist eine Bestätigung, auch für die Familie, für die Gruppe oder auch für mich als Coach.


Der zweite Bereich ist der Bereich der Weiterbildung. Ich habe mit diesem Konzept auch schon im Rahmen von Weiterbildungen mit Pädagog:innen gearbeitet. Ich habe als Referentin dieses Konzept erklärt und auch deutlich gemacht, welche Grundhaltung dahinter steht. Da gibt es natürlich Pädagog:innen, die diese Grundhaltung schon leben und sich bestätigt fühlen in ihrer Haltung. Es gibt aber auch welche, die mit dieser Haltung noch nichts anfangen können und vielleicht etwas verstört sind. Ich finde, dass es auch ein Gewinn sein kann, dass jemand verstört davon ist und sich daraufhin mit seiner eigenen pädagogischen Haltung beschäftigt und diese im besten Fall hinterfragt. Diesen versuche ich dann auch zu zeigen, wie die eigene Haltung verändert und das Konzept daraufhin im Alltag umgesetzt werden kann.


 

Ina Wirth ist Fachpädagogin für Bildungs- und Beratungskompetenz, systemischer Fähigkeitencoach und Kinder- und Jugendcoach. Ihr Herzensthema ist das “Ich schaff’s Konzept” von Ben Furman. Außerdem gibt sie Seminare für pädagogische Fachkräfte.