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Bereit für die Zukunft? Mit Visionsarbeit das Morgen gestalten

Ein Artikel von Christine Neumann



Wenn du heute als Team- und Organisationsentwickler:in im Einsatz bist, dann wirst du vorrangig mit einem Thema konfrontiert: Krisen. Egal ob Pandemie, Energie-Krise oder Fachkräftemangel, überall stehen die Zeichen auf Sturm. Kaum verwunderlich also, dass viele Führungskräfte mit ihren Mitarbeitenden eine langfristige Strategie entwickeln wollen, um in dieser volatilen und komplexen Welt noch Orientierung finden zu können. Damit dies gelingen kann, erarbeite ich mit Teams und Organisationen eine tragfähige Vision für die Zukunft.


Denn darum geht es heute: um die Zukunftsfähigkeit von Betrieben, Unternehmen und Einrichtungen.

Aber was sind eigentlich Visionen?

Visionen sind äußerst optimistische Zukunftsbilder. Wenn sie erzählt werden, bilden sich sogenannte neuronale und synaptische Verschaltungen, die uns im Alltag darin unterstützen, auch in Krisenzeiten handlungsfähig zu bleiben und nicht auf angstbesetzte Muster zurückzugreifen (vgl. Hüther 2011: S. 9).


Im Kontext der Organisationsentwicklung bieten sie sogar noch viel mehr: Visionen bilden eine Grundlage für die Zusammenarbeit. Sie beschreiben, wie sich das Team oder die ganze Organisation in der Zukunft sieht. Teams und Organisationen mit Visionen kennen ihre Positionierung und ihre Werte. Sie wissen, wofür sie (ein-)stehen. Dadurch können sie auch schneller Entscheidungen treffen und sich agiler verhalten. Darüber hinaus führen Visionen auch zu einem starken Wir-Gefühl im Team und zu einer ausgeprägten Verbundenheit mit dem Unternehmen. Alles wichtige Faktoren in Zeiten des Fachkräftemangels, nicht wahr?


Was mir in meiner Arbeit als Team- und Organisationsentwicklerin jedoch auffällt, ist, dass vor allem Unternehmen und Betriebe der freien Marktwirtschaft die Visionsarbeit nutzen, um in unsicheren Zeiten handlungssicher zu bleiben und sich für die Zukunft zu wappnen.

Der pädagogische Bereich hinkt hinterher, obwohl doch gerade Bildung und Erziehung wichtige Zukunftsthemen sind und unsere Kinder heute wichtige Kompetenzen erwerben müssen, um ihre eigene Zukunft einmal zu meistern. Vielen Bildungseinrichtungen, denen ich begegne, fehlt es an zukunftsfähigen pädagogischen Konzepten, an einer individuellen Positionierung und auch an dem Wir-Gefühl in den Teams.


Kann es tatsächlich sein, dass alle Welt von Visionen spricht, nur die (frühe) Bildung und die soziale Arbeit nicht?

Dabei haben gerade diese Bereiche mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen – allein in den frühen Hilfen verlassen fast ein Viertel aller Beschäftigten knapp fünf Jahre nach dem Berufsstart den Arbeitsbereich (vgl. Bundeszentrale für politische Bildung 2019).


Der pädagogische Bereich greift noch immer gerne auf das Format der Supervision zurück. Klar, denn das pädagogische Handeln will reflektiert werden, um die Qualität der Arbeit sicherzustellen. Ein absolutes Plus im pädagogischen Feld. Allzu oft wird Supervision jedoch auch mit der Idee verbunden, über Belastungen zu sprechen, die sich aufgrund des Fachkräftemangels oder weiterer fehlender Ressourcen ergeben. Dabei schwingt der Gedanke mit, dass sich Mitarbeitende erleichtern können, wenn sie von ihren Belastungen erzählen, – was jedoch nur selten der Fall ist. Manchmal geht es auch um das Bergen verschütteter Potenziale, um die Situation weiterhin „aushalten“ zu können.


Was wäre aber, wenn gerade im pädagogischen Bereich ein anderes Format gewählt werden würde? Was spricht dagegen, anstelle von Supervision einmal Team- oder Organisationsentwicklung zu nutzen und in diesem Rahmen aktiv das Morgen zu gestalten?

Mit einem visionären Blick in Richtung Zukunft. Höchste Zeit also, sich mit dem Thema Visionsarbeit näher auseinanderzusetzen. Doch wie genau könnte die Visionsarbeit in der Praxis aussehen? Dazu möchte ich dir einmal einen kurzen Überblick geben und dir die Methode Zukunftssprung vorstellen.


Das Setting Für gewöhnlich wollen Teams und Organisationen ihre Positionierung schärfen, die Motivation oder das Commitment stärken oder ganz allgemein ein Verständnis für die gemeinsame Zusammenarbeit schaffen. Das alles sind Aufhänger, um die Visionsarbeit anzuwenden. Für die Visionsarbeit im Rahmen eines Organisationsentwicklungsprozesses braucht es für den Kick-Start mindestens einen gemeinsamen Tag mit den Beschäftigten der Organisation. Dabei ist wichtig zu wissen: Alle werden an diesem Prozess partizipativ beteiligt. Visionsarbeit ist also keine reine Führungsaufgabe.


Das Zukunftsskript erstellen

Nach einer Begrüßung und der Klärung der Tagesstruktur erhalten die Teilnehmenden die Aufgabe, ein Zukunftsskript zu schreiben. Dabei geht es thematisch nicht um irgendeine Zukunft, sondern um die positivste Zukunft, die sie sich überhaupt vorstellen können. In dieser Einzelübung stellen sich die Mitarbeitenden vor, dass diese positive Zukunft bereits eingetreten ist. In ihr Skript schreiben sie, wie sie in dieser Zukunft leben und arbeiten.


Gemeinsam in die Zukunft reisen

Anschließend wechseln die Teilnehmenden in Workshopräume. Dieser Raumwechsel markiert die Reise in die Zukunft. Im neuen Raum angekommen, unterhalten sie sich darüber, wie ihre tägliche Arbeit heute (in der Zukunft) aussieht, wofür sie einstehen, mit wem sie arbeiten und was sie ausmacht. Auch Erfolge werden hier gefeiert. Die Visionen werden durch die Erzählungen körperlich spürbar.


Zusammen zurückschauen

Die Anwesenden besprechen dann, was ihre ersten Schritte waren, um diese positive Zukunft zu erreichen. Sie klären ihre wichtigsten Entscheidungen auf dem Weg und erzählen sich davon, welche Kooperationspartner sie ins Boot geholt haben.


Zurück in die Gegenwart

Nach dieser Phase kehren die Teilnehmenden ins Plenum zurück. Sie sammeln auf Moderationskarten die wichtigsten Erkenntnisse und clustern diese zu Schwerpunktthemen. Anschließend werden Absprachen für die Weiterarbeit getroffen.


Ein kleines Fazit: Aus meiner Praxis kann ich berichten, dass die Visionsarbeit eine ganz wunderbare Wirkung entfaltet. In den letzten Jahren durfte ich Teams und Organisationen darin begleiten, neue Formen der Zusammenarbeit zu kreieren und zukunftsfähige Projekte und Konzepte auf den Weg zu bringen. Neben all den Innovationen und neuen Strukturen darf aber eines nicht vergessen werden: Visionsarbeit setzt unglaublich positive Emotionen frei. Arbeit beginnt wieder Freude zu machen. Was könnte schöner sein?


Um gänzlich verstehen zu können, wie die Visionsarbeit wirkt, muss man sie aber ausprobiert haben. Daher möchte ich dich herzlich dazu einladen, die Arbeit an Visionen auch in deiner Einrichtung zu nutzen. Ich bin mir sicher, dass der Funke dann restlos überspringen wird.


 

Christine Neumann ist Dipl.-Pädagogin, systemische Supervisorin, Coachin, Gründerin von VISION SESSION und Host des Podcast: Die Vision führt uns an! Sie begleitet Teams, Gruppen und Führungskräfte unterschiedlicher Branchen dabei, ihre Visionen von einer gelingenden Zusammenarbeit zu erschaffen und diese Schritt für Schritt zu realisieren. Ihre Erfahrungen gibt sie heute in Workshops, Online-Kursen und Seminaren an andere Coaches und Beratende weiter.


Weitere Infos unter: www.visionsession.de.




Quellen


Bundeszentrale für politische Bildung (2019): Gekommen um (nicht) zu bleiben: https://www.bpb.de/themen/bildung/dossier-bildung/300367/gekommen-um-nicht-zu-bleiben/


Hüther, Gerald (2011): Die Macht der inneren Bilder. Wie Visionen das Gehirn, den Menschen und die Welt verändern, S. 9. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.



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